Venedig 2017 mit Rollstuhl

IMG_6204.jpgAm Ende unserer Handbike Tour von Innsbruck nach Venedig haben wir noch knapp zwei Tage rangehängt, um Venedig zu erkunden! So weit das mit Rollstuhl in zwei Tagen überhaupt möglich ist.

Wir hatten eigentlich geplant, dies mit einem Scout zu machen. Leider hatte die Dame aber nur noch ungünstige Termine frei. Wir entschieden uns dann, es auf eigene Faust zu versuchen.

Jede Menge Bilder aus Venedig gibt es hier!

Tag 1
Rialtobrücke und Marcusplatz

Unser Hotel war etwas außerhalb, in Mestre.
Auf die eigentliche Lagune wollten wir mit Nahverkehrsmitteln fahren.

Im Hotel wurden wir dazu toll beraten und konnten dort auch schon ein Teil der Fahrkarten kaufen. Nur nicht die für die Wasserbusse
Wie in Deutschland konnte ich im Nahverkehr eine Person kostenfrei mitnehmen,
damit war ein Touristenticket für Gaby und mich deutlich zu teuer.
Stand September 2017

Außerdem bekamen wir eine Karte mit den barrierefreien Bereichen von Venedig.

Vom Hotel sind wir ein Stück mit dem Bus gefahren und dann in die Straßenbahn umgestiegen. Am Umsteigebahnhof Mestre Centro gab es eine öffentliche Behindertentoilette.

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Auf Santa Croce angekommen, haben wir für die Vaporetti (Wasserbusse) mehrere Tickets für 1,50€ gekauft. Diese galten für eine Fahrt. Ich fand das spot billig.
Die Wasserbusse und viele Anleger sind barrierefrei, genau wie die von uns benutzen Busse und Straßenbahnen. 
Je nach Wasserstand wurde bei den Vaporetti Rampen angelegt. 
Manchmal waren die Anleger allerdings ziemlich steil.
Helfende Hände gab es aber immer!

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Unsere erste Fahrt führte uns mit der Linie 1 durch den Canale Grande zur Rialtobrücke. Das war spannend, kannte ich doch den Canale Grande bisher nur von Bildern und Sissie Filmen. 😉
Krass mit welchem Gewimmel die Menschen hier auf dem Wasser umgehen!

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Größere und kleiner Boote, ein DHL-Paket-Schiff und viele Gondeln kreuzten unsere Fahrt zur Brücke. Wir fuhren entlang von schönen und weniger schönen Fassaden. Überall waren Boote und Gondeln fest gemacht.
Während der Fahrt kam mir in den Sinn, das Hamburg mehr Brücken haben soll als Venedig. Laut meinen Recherchen im Internet, kommt Venedig sogar nur auf Platz fünf in Europa. Bei den vielen Inseln und Kanälen wundert mich das immer wieder.

Canale Grande vom Schiff aus.

An der Brücke angekommen verlassen wir das Vaporetto und machen unsere Fotos.
Lustigerweise, sehe ich an der Brücke einen jungen Mann mit seiner Frau sitzen. Ich habe ein “You`ll never roll alone” Speichenschutz, er ein “You`ll never walk alone” T-Shirt. Wir lachen uns an und er signalisiert, dass ich ein Foto machen darf! 🙂

Junger Mann mit "You'll never walk alone"-T-Shirt

Dann gibt es erstmal ein Eis!

Als wir das erledigt hatten, versuchten wir uns ein bisschen in der Umgebung umzusehen. So war ja auch die Idee.
Wir hatten vom Hotel einen Stadtplan für RollstuhlfahrerInnen bekommen.
Hier waren die barrierefreien Abschnitte Venedigs eingezeichnet. Zwischen den einzelnen Abschnitten konnte man mit dem Vaporetto wechseln.

Cool war immer wieder der Blick in die kleinen Kanäle zwischen den Häuserfassaden durch die nur eine Gondel fahren konnte.
Schon beeindruckend.

Schmaler Kanal mit Gondel

Die Einkaufsstrassen waren zwar gut bevölkert, aber nicht so wahnsinnig überlaufen, wie wir es befürchtet hatten. Schade war allerdings, dass es viele Geschäfte gab, die auch in Hamburg ansässig sind. Ein Hoch auf die Globalisierung. Aber es gab auch die kleinen Läden, in denen es noch etwas zu entdecken gab.

Als wir durch das Viertel an der Rialtobrücke durch waren, ging es weiter mit dem Schiff. Wieder vorbei an Kanaleinfahrten und im Wasser stehenden Häusern.
Also wie erwartet! – Völlig unerwartet kam mir dann noch eine der ganz wenigen Gondoliera vor die Kamera. Das nenne ich mal Glück!
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Dann kam auch schon das Ende des Canale Grande und damit unser zweiter Ausstiegspunkt in Sicht.
Von dort wollten wir zum Markusplatz. Leider fing es in dem Moment an zu regnen.
Das hat uns aber nicht davon abgehalten, uns umzusehen. Vorteil war natürlich, das viele Touris regenscheu sind. Zum Glück für uns regnete es nicht lange. Als der Himmel wieder aufriss, sind wir an der National Bibliothek vorbei wieder an das Wasser gelangt. Dort sind wir dann weiter längs spaziert.

Gaby vor einem Gondelanleger an der Lagune

Die großen Brücken waren an der Stelle barrierefrei mit Rampen ausgestattet. Dumm war nur, dass viele Touristen immer wieder im Weg standen, weil sie Fotos machen mussten. Das war teilweise echt nicht ungefährlich. Vor allem dann, wenn sie unvermittelt in den Weg sprangen, während ich eine der Brücken hinab fuhr. Da ich ein lautes Organ habe, konnte ich aber den Weg immer frei brüllen! 😉

Brücke an der Laune mit Rollstuhlrampe

Wir haben dann an einer der Brücken in einer kleinen Pizzeria gegessen. War keine Offenbarung, aber wir waren satt. Zudem bekamen wir auch einen Krankenwagen ehmm ein Krankenboot zu Gesicht. Das lag aber nicht am Essen! 😉
Wir konnten ein ganzes Ende am Wasserentlang laufen. Alle Brücken waren mit Rampen versehen. Als es dunkel wurde und wir zurück wollten. Wir hatten schon einen Schiffsanleger im Blick, hatten wir Pech. Dummerweise war die Brücke vor dem Anleger nicht mehr barrierefrei. Wir mussten ein ganzes Stück zurück.  
Unsere Fahrt ging dann nicht durch den Canale Grande, sondern quasi außen rum zurück zum Busbahnhof. Von dort sind wir mit dem Bus gefahren. Leider hatten wir am Umsteigepunkt etwas Pech gehabt und mussten lange warten. 

Tag 2
Burano 

Der zweite Tag begann mit Wagen packen, da wir vor hatten wieder etwas länger unterwegs in Venedig zu sein. Da es am nächsten Tag in der Frühe losgehen sollte, war also eine gewisse Vorbereitung notwendig.
Wie am Vortag sind wir wieder mit dem Bus und der Straßenbahn gefahren. Diesmal hatten wir allerdings vor, eine Entdeckungstour nach Burano zu machen. Gabys Tochter hatte uns den Tipp mit auf den Weg gegeben. Die Fahrt führte über Murano. Dort mussten wir umsteigen. Die insgesamt recht lange Fahrt hat sich aber echt gelohnt.
Burano ist wegen seiner bunten Häuser, die angeblich den betrunkenen Fischern auf der Insel den Weg in das richtige Haus anzeigen soll, bekannt.
Nach über einer Stunde Fahrt kamen wir auf der Insel mit dem schiefen Kirchturm, Pisa lässt grüßen, an.

Burano mit Kirchturm

Das Wetter spielte auch mit und so haben wir die wirklich schöne Insel und ihre Gassen erkundet. Mittags gab es wieder Pizza! Aber diesmal hatten wir es deutlich besser getroffen. Bier und Pizza waren nicht nepp-mäßig teuer und sehr lecker!
Rollstuhlfahren war auf Burano ganz angenehm. Alles war barrierefrei erreichbar. In der Einkaufsstraße gab es eine Behindertentoilette. Was will man mehr!

Nach gut 3 Stunden ging es dann gegen 16:00 Uhr zurück. Wir hatten genug gesehen.

Burano

Auf der Fahrt gab es dann auch noch einiges zu sehen.
Schnellboote, Industriekähne, Katamarane oder verrostete Leuchtfeuer.
Es wurde uns nicht langweilig.

Rostiger Leuchtturm

Unser Ziel war nochmal der Markusplatz. Ich hoffte immer noch die Sissie würde auftauchen. Spoiler: Sie kam nicht! Wie traurig!

Diesmal fuhren wir von der Lagunenseite zum Anleger, was nochmal einen anderen fantastischen Blick auf Venedig bot!

Venedig von der Lagune aus.

Gegen 18:00Uhr saßen wir auf dem Markusplatz und haben uns noch mal richtig abziehen lassen. Wir bestellten drei große Bier und bekamen jeweils einen Liter im Glas, natürlich zu Oktoberfestpreisen. 
Das hat uns aber nicht im geringsten die Stimmung verhagelt. Wir haben es als kröhnenden Abschluß einer großartigen Woche genommen.

Bierkrüge

Wir sind nach dem Bier noch etwas rum marschiert und als es dann dunkel wurde haben wir ein Vaporetto genommen, um diesmal den Canal Grande andersherum zu befahren. Der ist mit seinen Lichtern nochmal ein echt tolles Erlebnis. 

Canale Grande bei Nacht

Die Fahrt zum Hotel war dann wider erwarten ein richtiges Abenteuer.
Natürlich mussten wir an der Umsteigestelle wieder sehr lange warten. Diesmal entschlossen wir uns von dort zu laufen. Okay, ich nicht, aber die anderen beiden würden wohl laufen! 😉

Der Weg war nicht sehr weit. Wir sollten deutlich eher im Hotel sein, als das der Bus eintreffen würde. Also Abmarsch!
Das ging auch ganz gut. Jedenfalls bis die Straße, kurz vor dem Hotel, über eine Bahnstrecke führte. Zu unserer großen Überraschung fehlte ein Fußweg neben der Fahrbahn.  Wir schauten auf unsere Handys und suchten nach einem alternativen Weg. Trotz intensiver Suche fanden wir keinen!

Was es gab, war eine Leitplanke. Zwischen Leitplanke und Brückengeländer tat sich ein schmaler asphaltierter Streifen auf. Dieser war kaum breiter als mein Rollstuhl und die Straßenlampen verengten diesen nochmal um ein paar Zentimeter. Aber was blieb uns übrig. Ich musste es versuchen. Natürlich ging es erstmal steil die Bahnüberführung hinauf. Das Fahren war wegen der Enge und der Halter der Leitplanke kein Spaß. Ich habe mir mehrmals ziemlich die Hand gestoßen. An den Lampen musste ich richtig zirkeln, um daran vorbei zu kommen. Aber irgendwann haben wir es nach oben geschafft. Jetzt ging es bergab und nicht mehr weit zum Hotel. Zum Glück, ich konnte nicht mehr. Der Tag und die Steigung haben mich geschafft. Wir hatten alle keinen Bock mehr. Aber klaro, Murphy lauert ja überall, war auch die vermeintliche Abfahrt nicht so einfach. Ich musste ziemlich bremsen und die Laternen waren auch bergab nicht einfach ohne sich die Finger zu klemmen. Zu allem Überfluss war dann kurz vor unten wahrscheinlich ein Auto in die Leitplanken gedonnert. Ihr ahnt es sicherlich. Der Streifen war dadurch so eng geworden, dass ich mit Rollstuhl nicht durch kam!
SCHEI?E!

Lösung: Ich bin über die Leitplanke gerutscht, bis der Streifen wieder breit genug war und Daniel hat den Rollstuhl bis dahin über Kopf getragen!
Ziemlich erschöpft kamen wir dann wenig später im Hotel an. 
Ab in die Falle und schlafen. Es wartet eine anstrengende und lange Heimfahrt auf uns.

Am nächsten Morgen sind wir nach dem Frühstück aufgebrochen.

Die Fahrt führte uns über Bozen und Innsbruck wieder nach Hamburg.
Am Brenner bekamen wir plötzlich alle wieder ganz wohlige Gefühle.
Die Erinnerungen an unsere tolle Handbiketour waren wieder voll da.

Fazit:
Venedig ist auch mit Rollstuhl eine Reise wert. 
Wie üblich bedarf es einer gewissen Toleranz und natürlich geht nicht alles. 
Ich hatte nach der Reise gesagt: “Einmal Venedig reicht.”
Das muss ich heute revidieren. Ich würde wieder hinfahren.
Es waren zwei sehr intensive Tage und wir haben nur einen Bruchteil der Stadt gesehen. Die Reisezeit Mitte September war imho ganz gut. Es war nicht so super voll!
Und die Freundlichkeit der Menschen war wieder großartig. Ich brauchte einmal dringend eine Toilette. Diese fand ich in einem Restaurant. Wir durften diese nutzen ohne dass wir dort zu Gast waren. Es gab nicht mal ein mürrischen Gesicht, wie bei uns üblich. So etwas haben wir öfter auf unserer Reise erlebt.
Ach ja, Italien ich komme wieder!

Jede Menge weiterer Bilder aus Venedig gibt es hier!

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